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Mit Innovationen gegen die herrschende Ordnung: die Revolutionäre von 1776

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Mit Innovationen gegen die herrschende Ordnung: die Revolutionäre von 1776

 

In Washington D.C., einer von der Geschichte Amerikas durchdrungenen Großstadt, die von den Museen ihrer Smithsonian Institution, ihren Denkmälern und ihren Andenken an die Verfassung geprägt ist, sticht das dort ansässige Startup-Zentrum 1776 aus der Masse hervor. Denn mit der Startup-Kultur, die es in die Hauptstadt bringt, blickt es nicht auf die Vergangenheit der USA zurück, sondern in die Zukunft.

An jedem beliebigen Montagmorgen können Sie in den Büroräumlichkeiten von 1776, die nur ein paar Blöcke vom Weißen Haus entfernt sind, Entwickler mit Kapuzenpulli sehen, die an Laufband-Tischen hektisch coden, Community Manager beobachten, die ihre Vision Boards für die Geschäftsentwicklung umgestalten, und die unverkennbare unternehmerische Energie der Anwesenden spüren. Dies ist meilenweit entfernt von den Anzügen und der Bürokratie, die so charakteristisch für Washington geworden sind.

Die über 200 auf diesem Campus betreuten Startup-Unternehmen, die Technologie des privaten Sektors für das Wohl der Allgemeinheit nutzen, sind in fünf streng regulierten Branchen tätig. Ob Bildung, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Transport oder Stadtverwaltung – in diesen Bereichen lässt die Modernisierung häufig auf sich warten.

Für den Erfolg vieler dieser Unternehmer ist „Regulatory Hacking“ erforderlich, um das Unmögliche möglich zu machen: in einem bürokratischen Umfeld für Effizienz zu sorgen. Hierzu müssen Unternehmer häufig mit den Bundesbehörden zusammenarbeiten, die ihre Branchen regulieren. Doch letztendlich versuchen die meisten von ihnen, genau diese Behörden von außen zu verändern.

Dieser Ansatz führt zu einem anhaltenden Konflikt zwischen der Anforderung, mit den Bundesbehörden zusammenzuarbeiten, und dem Bestreben, diese von Grund auf umzugestalten. Eben dieser Konflikt gibt 1776 die einzigartige Atmosphäre von Establishment mit dem gewissen Etwas.

Wir haben uns mit den Revolutionären getroffen, um zu erfahren, wie sie die einzigartigen Herausforderungen des Unternehmertums in regulierten Bereichen meistern.

Revolutionierung von Studiendarlehen

Mit Innovationen gegen die herrschende Ordnung: die Revolutionäre von 1776Manu Smadja wurde in Frankreich geboren und studierte an der University of Virginia. Sein Wechsel zu einer Universität jenseits des Atlantiks verlief jedoch nicht ohne ein paar Schocks.

Ganz abgesehen von den kulturellen Unterschieden war Manu Smadja erstaunt, wie wenig finanzielle Ressourcen internationalen Studierenden zur Verfügung standen. Durch mehrere Gelegenheitsjobs auf dem Campus und die Unterstützung seiner Eltern – ein Luxus, der nicht vielen anderen Studierenden gewährt ist – konnte er sich über Wasser halten. Zehn Jahre später beobachtete er, wie seine jüngere Schwester genau die gleichen Hürden bewältigen musste.

Diese Probleme sind weitverbreitet, obwohl in den USA derzeit fast eine Million internationale Studierende eingeschrieben sind – das sind etwas mehr als 4 % der gesamten Anzahl der Studierenden.

„Banken sind nicht bereit, internationalen Studierenden einen Kredit zu gewähren, da ihre Eltern ohne Kreditwürdigkeit in den USA nicht für sie bürgen können“, erläutert Smadja. „Und selbst wenn sie das Glück haben, ein Vollstipendium zu erhalten, müssen sie immer noch für Essen, Unterkunft und ihren Lebensunterhalt aufkommen.“

Manu Smadjas Beobachtungen waren der Katalysator für MPOWER Financing. Das Startup-Unternehmen bietet Darlehen für Studierende mit vielversprechendem Potenzial, denen keine traditionellen Finanzierungsmöglichkeiten offen stehen.

Wie bei anderen Kreditgebern auch ist für MPOWER eine hohe potenzielle Investitionsrendite das ausschlaggebende Kriterium für die Vergabe eines Studienkredits. Anders als bei anderen Kreditgebern basiert diese Schätzung der Investitionsrendite jedoch nicht auf der Bonität der Antragssteller. Die Kriterien von MPOWER sind Praktika, die Einstellungschancen mit dem Abschluss und der Ruf der Bildungseinrichtung. Es gibt keine Bonitätsprüfung. Es sind keine Bürgschaften erforderlich. Und die Zinsen beginnen bei 7,99 %. Die meisten privaten Kreditgeber berechnen Festzinsen zwischen 5 und 12 %.

Mit einer monatlichen Zahlung von nur 100 USD möchte MPOWER Studienkredite so gestalten, dass sie mit der Bezahlung eines monatlichen Handyvertrags vergleichbar sind.

Doch Manu Smadja hat sich ein noch höheres Ziel gesetzt, als ausländischen Studierenden durch geringere Kreditzahlungen das Leben leichter zu machen.

„Wir verändern von Grund auf die Haltung, die allgemein in Bezug auf das Kreditrisiko besteht“, meint er. „Bisher wurden Kredite nach historischen Gesichtspunkten bewertet. Wir denken bei der Kreditvergabe an die zukünftige Entwicklung.“

„Jemand, der 21, 22 oder 24 ist, hat bisher kaum eine Vergangenheit. Wir denken stattdessen an die Zukunft, die jemand haben wird.“

Dank seiner Tätigkeit bei Capital One und McKinsey bringt Smadja auch Erfahrungen aus dem traditionellen Finanzbereich in seine innovativen Methoden der Kreditvergabe ein. Sein Karrierewechsel in die Welt der Startup-Unternehmen verlief jedoch nicht reibungslos.

Er drückt es so aus: „Ich habe mich für den einzigen Job entschieden, bei dem ich genauso lange arbeite wie ein Unternehmensberater – allerdings ohne Bezahlung.“

Doch trotz der Einkommenseinbußen kann sich Smadja nicht vorstellen, wieder in den traditionellen Finanzsektor zurückzukehren. Zum einen machte er die Erfahrung, dass sich seine Tätigkeit auf zweierlei Weise auszahlt. „Wir bekommen Anrufe von Studierenden, die uns unter Tränen erzählen, dass sie für uns beten, weil sie es geschafft haben, ihre Ausbildung abzuschließen“, sagt er.

Zum anderen hat die Startup-Kultur ihren eigenen Reiz. „Wenn man einmal weiß, was es bedeutet, Unternehmer zu sein, ist es schwer, das wieder aufzugeben“, so Smadja.

Revolutionierung der finanziellen Bildung

Bei den gesellschaftlichen Zielen der Startups von 1776 sind oft persönliche Erfahrungen die treibende Kraft. Dabei bildet auch das Unternehmen von Angel Rich keine Ausnahme.

Sie ist die vierte Generation einer Familie von Lebensversicherungskaufleuten aus Washington. Während sie mit ihrer Familie durch das Land reiste und Hausbesuche machte, lernte Angel Rich häufig Menschen kennen, die sich mit den Grundlagen persönlicher Geldangelegenheiten schwer taten.

„Sie wussten nicht, wie sie ihr Geld verwalten sollten. Sie waren ratlos“, so Rich. „Meine Mutter musste ihnen dabei helfen, ihre Rechnungen zu bezahlen, ein Budget zu planen oder Schecks auszustellen. Das sind alles Dinge, die ganz einfach sein sollten.“

Im vergangenen Jahr bestanden nur 20 % der Teilnehmer einen Test zur Finanzkompetenz für die Altersvorsorge, der vom American College of Financial Services durchgeführt wurde.

Bei einer internationalen Studie zur Finanzkompetenz, die 2014 unter Schülern und Schülerinnen im Alter von 15 Jahren aus 18 Ländern durchgeführt wurde, lagen die USA zwischen Platz 8 und Platz 12. Die Schulabsolventen von heute sind zwar Experten in Differenzial- und Integralrechnung, haben jedoch keine Ahnung, was eine Hypothek ist.

Durch ihre Arbeit bei 1776 hat Angel Rich nicht nur ihre Wurzeln in Washington wiedergefunden, sondern ist auch zu einem Problem zurückgekehrt, das sie als Kind aus erster Hand kennengelernt hat. Sie ist CEO und Gründerin von The Wealth Factory. Das Unternehmen produziert Wealthy Life, ein Bildungsspiel zur Verbesserung der Finanzkompetenz von Schülern und Erwachsenen.

Bei der jüngsten Common Core-Initiative wurde erneut der Finanzkompetenz Priorität gegeben, um das Defizit in den USA auszugleichen, doch der strikte, standardisierte Lehrplan lässt oft wenig Raum für Lernende, sich damit auseinanderzusetzen. Hier bietet Wealthy Life die Lösung.

Das Spiel macht sich den „Gamification“-Boom im Bereich Bildungstechnologie zunutze, um die Grundlagen persönlicher Geldangelegenheiten ein wenig verständlicher und um einiges interessanter zu machen. Eine kürzlich an der School of Information Technology der Kaplan University durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Nutzung von sogenannten „Badges“ zur Dokumentation erreichter Leistungen bei einem Online-Kurs die Teilnahmedauer um 17 % erhöhte. Darüber hinaus entschieden sich 60 % der Benutzer zur Bewältigung eines „schwierigen Problems“, um sich einen Badge zu verdienen.

Wealthy Life nutzt den in solchen Studien zur „Gamification“ beschriebenen Erfolg und wendet das Prinzip auf die Grundlagen persönlicher Geldangelegenheiten an. Das Bezahlen von Rechnungen, Planen von Budgets und Verwalten von Girokonten sind alles wichtige Fähigkeiten, die Rich sowohl Kindern als auch Erwachsenen mit ihren Produkten vermittelt.

Wealthy Life beschränkt sich nicht nur auf den US-Markt. „Unsere Aufgabe ist es, weltweit gleichberechtigten Zugang zu zuverlässigen Finanzinformationen zu bieten“, so Rich. Dieses Ziel ist in greifbare Nähe gerückt. Dank einer kürzlich geschlossenen Partnerschaft mit PenPal Schools werden die Module zur finanziellen Bildung von Angel Rich in über 80 Ländern verfügbar sein.

Bei dieser Expansion spielte 1776 eine wichtige Rolle. In den drei Monaten, in denen Wealthy Life auf dem Washingtoner Campus war, stiegen die Benutzerzahlen um 15.000 an und das Programm wurde im District of Columbia von 480 Bundesbehörden übernommen.

Ironischerweise machte Rich bei ihrer Arbeit mit Wealthy Life in den Räumlichkeiten von 1776 die Erfahrung, dass Geld nur bedingt hilfreich ist, wenn man sich im Wachstumsstadium befindet.

„Beziehungen sind wichtiger als Geld“, erklärt Rich. Anstatt die ganze Zeit nach Kapital zu suchen, sollte man sich ihrer Meinung nach „darauf konzentrieren, die Qualität des Produkts zu validieren. Das führt dann letztendlich zum Geld.“

Revolutionierung der Online-Authentifizierung

Blake Hall und Matthew Thompson sind Veteranen der Army Rangers, Absolventen der Harvard Business School und gemeinsame Gründer von ID.me. Als Soldaten, die in den Kriegen im Irak und in Afghanistan dienten, bringen diese Startup-Unternehmer einzigartige militärische Einblicke in Fragen der Sicherheit mit. Und sie mussten einen wirklich anspruchsvollen Kunden von ihrem Produkt überzeugen: die Bundesbehörden.

Die Grundidee von ID.me war einfach. Einzelhandelsgeschäfte bieten zahllose Rabatte für Militärangehörige und Veteranen. Doch mit dem Verschwinden der Ladengeschäfte haben Veteranen keine Möglichkeit, ihre Berechtigung nachzuweisen und diese militärspezifischen Vergünstigungen online in Anspruch zu nehmen. Mit ID.me haben die Gründer einen Ort geschaffen, an dem digitale Ausweise für Soldaten und Soldatinnen gespeichert werden können – den ersten seiner Art.

Dies erforderte nicht nur einen herausragenden Entwickler, sondern auch das Vertrauen und die Autorisierung durch die Regierung. ID.me hat davon mehr als genug. Es ist derzeit eines von nur drei Unternehmen mit einer FICAM-Zertifizierung der Bundesbehörden für das Level of Assurance 3, dem höchsten Gütesiegel der Regierung für die Online-Authentifizierung der Identität. Eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass eines der anderen beiden Unternehmen der Wireless-Riese Verizon ist. Die meisten Banken erreichen nur eine Zertifizierung der Stufe 2 (LOA 2).

„Unsere Beziehung mit der Regierung beruht auf den Kontakten unserer Gründer zum Militär und wurden durch Beziehungen und Netzwerke bei 1776 ausgebaut“, so James Pottenger, COO von ID.me. „Außerdem reagierte die Regierung sehr positiv auf unsere potenziell revolutionäre Idee.“

ID.me konnte seine Position in Washington und seine Beziehung zu den Bundesbehörden weiter festigen, als die Organisation den lukrativen Regierungsauftrag erhielt, ihre Software auf Connect.gov einzusetzen. Dabei handelt es sich um eine Single-Sign-On-Website für alle Regierungsservices, die im vergangenen Jahr online geschaltet wurde. In Zukunft sollen auch Personalakten, Steuererklärungen und Krankenunterlagen dazukommen.

ID.me hat sein Serviceangebot seitdem ausgeweitet und bietet nun auch Identitätsprüfungen für Studierende, Lehrpersonal und Rettungskräfte an. Doch das Unternehmen will noch einen Schritt weiter gehen.

„Die Authentifizierung der Identität ist ein universelles Problem. Wir melden uns alle mehrmals pro Tag an“, so Pottenger. „Angesichts der zunehmenden Anzahl an Betrugsversuchen fordert die allgemeine Bevölkerung Änderungen. Wir bei ID.me möchten diese Änderungen ermöglichen und die Online-Welt zu einem sichereren und effizienteren Ort machen.“

Wo Revolutionen ihren Anfang nehmen

Ob es um Hacking, Systemabstürze oder boykottierte Programme geht – die Bundesbehörden wurden für ihren Widerstand gegen technologischen Fortschritt kritisiert. Donna Harris und Evan Burfield, die beiden Gründer von 1776, möchten dieser Stagnation ein Ende setzen, indem die Arbeit der Regierung in hoch regulierten Bereichen an Startup-Unternehmen ausgelagert bzw. durch diese ergänzt wird.

MPOWER, The Wealthy Life und ID.me sind die Gegenstücke der von der Regierung unterstützten Bank Sallie Mae, des Pentagon und des Bildungsministeriums. 1776 hat in den berühmten Hallen dieser Bundesbehörden ein dem Silicon Valley ebenbürtiges Modell vorgestellt.

Es verfolgt ein klares Ziel.

Die Unternehmer von 1776 haben nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern eine Mission. Trotz ihrer völlig verschiedenen Ziele und Methoden haben alle Gründer eines gemeinsam: Sie arbeiten unermüdlich an der Veränderung des Status quo und der Realisierung ihrer Mission.

„Hier geht es deutlich weniger um die nächste App oder die nächste technologische Neuerung. Das ist ein wichtiger Unterschied zum Silicon Valley“, so Manu Smadja. „Die Leute setzen sich leidenschaftlich für verschiedene Anliegen ein. Sie möchten gesellschaftliche Verbesserungen bewirken, nicht nur technologischen Fortschritt.“

Oder, wie es Donna Harris stolz ausdrückt: „Hier finden Sie keine Angry Birds oder Instagram.“

Der Slogan von 1776 lautet „Where Revolutions Begin“ (Wo Revolutionen ihren Anfang nehmen). Und das meint man bei dem Inkubator ernst. Daher wurde dieser Campus zu einem neuen Zentrum für den Fortschritt in der Hauptstadt.

„Menschen sind schon immer nach Washington gekommen, um die Welt zu verändern“, meint Donna Harris. „Doch in der Vergangenheit bedeutete dies, zum Capitol Hill oder zu einem Think Tank zu gehen.“

„Heute bedeutet dies, ein Unternehmen zu gründen, das alle Herausforderungen bewältigen kann, die diese Institutionen nicht lösen konnten.“

 

 

Andrew Deck

Andrew Deck

Andrew Deck ist ein Journalist aus Tokyo, Japan, seine Spezialität sind Technologien, Wissenschaft und Unternehmertum. Seine Arbeiten sind in The Brown Political Review und The Brown Daily Herald erschienen.

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